15.02.2013

Der Tag, an dem ich ein Lächeln geschenkt bekam

Jetzt liegt er schon einige Monate zurück, jener Tag, an dem ich dieses Lächeln geschenkt bekam.

Der Tag war nichts Besonderes, ein regnerischer Wochentag, an dem ich einiges zu erledigen hatte. In mich gekehrt ging ich zielstrebig neben einer ungemütlichen, stark befahrenen Straße in Wien. Eine Frau kam mir entgegen. Auch an ihr war nichts Besonderes, sie war klein, trug unauffällige Kleidung, war vielleicht so um die fünfzig Jahre alt. Mein Blick streifte so nebenbei ihr Gesicht - und plötzlich erschrak ich. Sie sah mir direkt in die Augen, lächelte strahlend und sagte: "Guten Tag!"

Wir kannten uns nicht, waren einander nie begegnet, ich war ziemlich irritiert. Mein Blick wanderte einen Augenblick weiter, doch dann beschloss ich, ihren charmanten Gruß zu erwidern. Ich sah sie offen an und erwiderte freundlich: "Guten Tag!"

Und wir setzten beide unsere Wege fort. Völlig unspektakulär. Für mich jedoch veränderte sich der ganze Tag. Ich lächelte immer wieder ohne jeden erkennbaren Grund vor mich hin.  Selten habe ich besser verstanden, dass gute Laune ansteckend wirkt!

Warum das überhaupt eine Geschichte wert ist?



Weil ich seitdem immer wieder ein Lächeln aussende, wenn ich unterwegs bin - auf der Straße, in der U-Bahn, wo es mir gerade einfällt.

Es gibt so viele Möglichkeiten, die Welt durch das eigene Sosein zu bereichern. Ich kann politisch aktiv sein, mich sozial engagieren, ganz einfach meine Arbeit tun, mein privates Netzwerk pflegen  - oder schlicht und einfach lächeln.
 
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Mein Naikan zu dieser Situation:  

1. Naikan-Frage:  Was hat diese Situation für mich gemacht? Was habe ich bekommen von dieser Frau?

Sie hat mir einen offenen Blick, ein strahlendes Lächeln und einen freundlichen Gruß geschenkt. Sie hat mir gezeigt, dass kleine Gesten große Wirkung haben können. Dass es nicht egal ist, welche Laune ich verbreite. Dass ein mir unbekannter Mensch durch eine Kleinigkeit meine Grundstimmung verändern kann. Dass es sich lohnt, in Kontakt zu gehen. 

2. Naikan-Frage:  Was habe ich in dieser Situation gemacht? Wie habe ich reagiert? Was habe ich für diese Frau gemacht?

Ich habe ihren Gruß erwidert und ihr ein Lächeln geschenkt. Ich habe diese Begegnung zum Anlass genommen über mein Verhalten nachzudenken. Habe mich entschlossen, sofort damit zu beginnen, ebenfalls ein Lächeln an unbekannte Menschen zu verschenken. Habe die positive Grundstimmung, die dadurch in mir entstanden ist, geschätzt und genährt.

3. Naikan-Frage:  Welche Schwierigkeiten habe ich gemacht?

Die Frau hat sicherlich bemerkt, dass ich anfangs erschrocken war, bevor ich ihre Freundlichkeit erwidert habe. Seit dieser Begegnung fällt mir auf, wie missmutig die meisten Menschen durch den Alltag gehen und neige dazu, sie deswegen abzuwerten. 


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